Wer nach Sardinien — oder nach Italien überhaupt — reist und erwartet, dass dort alles so abläuft wie zu Hause, wird sich wundern. Nicht erschrecken. Wundern. Und wenn man einmal versteht, wie es hier funktioniert, möchte man es meistens gar nicht mehr anders.
Ein paar Dinge, die ich nach Jahren auf der Insel für wichtig genug halte, sie aufzuschreiben.
Die Hunde auf der Straße
Man sieht sie überall: Hunde, die frei herumlaufen, die auf Mauern dösen, die gemächlich die Straße queren. Der erste Reflex vieler Reisender aus Nordeuropa: Der ist ausgesetzt. Den muss ich retten.
Meistens stimmt das nicht. Die meisten dieser Hunde haben Besitzer. Sie kennen ihr Revier, sie kennen die Nachbarn, sie kennen die Zeiten. Bitte nicht einfach einpacken und mitnehmen.
Zuerst die Umgebung lesen: Gibt es bewohnte Häuser in der Nähe? Reagiert der Hund entspannt und gesund? Dann ist er sehr wahrscheinlich ortsansässig. Wer komplett abseits ist — in den Bergen, auf einem einsamen Weg — und ein Tier vorfindet, das krank, verletzt oder abgemagert wirkt: sofort zum nächsten Tierarzt und Chip auslesen lassen.
Die weißen Hunde bei der Schafherde
Wer durch das Landesinnere fährt, begegnet ihnen früher oder später: große, cremeweisse Hunde, die ruhig neben einer Schafherde laufen oder in ihrer Nähe dösen. Das sind Maremmani — Herdenschutzhunde. Eigenständig, wachsam, auf ihre Herde fokussiert.
Sie gehören zur Herde. Sie schützen sie — auch vor Fremden, die gut gemeint näherkommen. Bitte nicht davon ausgehen, dass man sie streicheln kann, weil man es gern möchte.
„Nicht jeder Hund wartet darauf, gestreichelt zu werden."
Hunde bellen. Auch nachts. Das ist normal.
Wer in einem sardischen Dorf, auf einem Anwesen im Grünen oder in einem Haus am Ortsrand wohnt, wird es hören: Hunde, die bellen. Manchmal kurz, manchmal länger, manchmal die halbe Nacht. Niemand wird seinen Hund reinholen, weil er zweimal gebellt hat. Das passiert hier nicht.
Das ist kein Versäumnis, keine Rücksichtslosigkeit. Es ist schlicht eine andere Vorstellung davon, was zum Leben dazugehört. Ohrstöpsel einpacken — und sich daran erinnern, dass genau das Teil des Charakters dieser Insel ist.
Kinder essen spät — und das ist kein Drama
Es ist 21 Uhr. Im Restaurant sitzen Familien, Kinder rennen zwischen den Tischen hindurch, ein Kleinkind schläft im Buggy neben dem Pasta-Teller der Eltern. In Deutschland würde mancher die Augenbrauen hochziehen. In Italien ist das Abendessen um 20 Uhr der Normalzustand — mit und ohne Kinder.
Kinder haben hier einen hohen Stellenwert. Sie dürfen durch die Bar laufen, laut sein, Teil des Abends sein. Das Jugendamt kommt nicht. Niemand schaut schief. Es ist einfach so.
Wer früh essen möchte, ist vor 19:30 Uhr oft der einzige Gast im Restaurant — oder das Lokal hat noch gar nicht aufgemacht. Viele Restaurants beginnen erst um 20 Uhr wirklich zu leben.
Was wie ein Familienstreit aussieht, ist eine Diskussion
Laute Stimmen. Lebhafte Gesten. Jemand unterbricht den anderen. Alle reden gleichzeitig. Wer das zum ersten Mal am Nachbartisch erlebt, denkt: Die streiten sich furchtbar. Meistens reden sie über das Wetter, den Fußball oder was man morgen kocht.
Die Italiener sind ein temperamentvolles, diskussionsfreudiges Volk. Das ist keine Schwäche, das ist Charme. Man gewöhnt sich schnell daran — und vermisst es, wenn man wieder zu Hause ist.
Hunde im Supermarkt — und was man niemals tun sollte
Viele große Supermärkte haben inzwischen Einkaufswagen mit einer Vorrichtung für den Hund — damit er in der Hauptsaison bei 30 Grad nicht draußen warten muss. Das ist ein Zeichen, keine Ausnahme.
Ein Hund im heißen Auto ist kein Kavaliersdelikt — es ist Tierquälerei und strafbar. Bei Temperaturen ab 20 Grad kann sich ein geparktes Auto innerhalb von Minuten auf über 40 Grad aufheizen. Kein Einkauf, kein kurzer Abstecher, keine Ausnahme.
Hunde am Strand — die Regeln kennen
Bis Ende Mai, Anfang Juni nehmen viele ihren Hund mit an den Strand. Das ist in dieser Zeit auf den meisten Stränden noch möglich. Ab Juni wird kontrolliert — und wer mit einem Hund an einem öffentlichen Strand erwischt wird, der kein ausgewiesener Hundestrand ist, zahlt eine echte Strafe. Keine Verwarnung, keine Kulanz.
Ausgewiesene Hundestrände gibt es auf Sardinien — sie sind gut zu finden, oft gut ausgestattet, und der Hund darf dort tatsächlich ins Wasser. Für alle, die mit Vierbeiner reisen: kurz vorher prüfen, welcher Strand erlaubt ist.
Der Hund auf der Straße ist kein herrenloses Tier.
Der Maremma bei der Herde ist kein Streichelkandidat.
Das Bellen gehört zur Nacht.
Das Kind um 21 Uhr im Restaurant ist glücklich.
Die laute Diskussion ist kein Streit.
Sardinien läuft nach eigenen Regeln. Wer das versteht, entspannt sich. Wer dagegen angeht, wird sich ärgern — und die Insel wird es nicht bemerken.
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Ich lebe einen Teil des Jahres auf Sardinien und beantworte gern, was kein Reiseführer schreibt.
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